Immo­bilien
Ar­ti­kel • 2021-01-19

Die Volks­wa­gen­Stif­tung

Zwei Zie­le, eine Ant­wort

Auf wel­che An­la­ge­stra­te­gie die Volks­wa­gen­Stif­tung setzt, um den Stif­tungs­zweck zu er­fül­len und gleich­zei­tig den Ka­pi­tal­erhalt zu si­chern, er­fah­ren Sie im In­ter­view mit Die­ter Leh­mann.

Le­se­zeit: 8 Mi­nu­ten
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Or­dent­li­che Er­trä­ge und rea­ler Ka­pi­tal­erhalt – die­se bei­den Ren­di­te­fak­to­ren müs­sen Stif­tun­gen strikt von­ein­an­der tren­nen. Die­ter Leh­mann, Lei­ter Ver­mö­gens­an­la­ge bei der Volks­wa­gen­Stif­tung, er­klärt im In­ter­view, wes­halb sich mit Sach­wer­ten den­noch bei­de Zie­le gleich­zei­tig ver­fol­gen las­sen, wie Stif­tun­gen auf das Zins­tief re­agie­ren kön­nen und wel­che Re­gu­la­ri­en es zu be­ach­ten gibt.

Herr Leh­mann, pro­fes­sio­nel­le In­ves­to­ren ste­hen vor gro­ßen Heraus­forde­rungen bei der Ka­pi­tal­an­la­ge, vor al­lem durch die an­hal­tend nied­ri­gen Zin­sen. Was zeich­net Stif­tun­gen in die­sem Um­feld be­son­ders aus?

Die­ter Leh­mann: Kei­ne Fra­ge, die Heraus­forde­rungen wach­sen, aus­rei­chen­de Er­trä­ge zu ge­ne­rie­ren, um den Stif­tungs­zweck zu er­fül­len. Für Ein­rich­tun­gen wie die Volks­wa­gen­Stif­tung gilt es, strikt zu un­ter­schei­den zwi­schen or­dent­li­chen Er­trä­gen – haupt­säch­lich Zin­sen, Mie­ten und Di­vi­den­den – sowie au­ßer­or­dent­li­chen Er­trä­gen, bei­spiels­wei­se rea­li­sier­te Kurs­ge­win­ne. Denn zur Fi­nan­zie­rung des Stif­tungs­zwecks dür­fen nur die or­dent­li­chen Er­trä­ge ver­wen­det wer­den. Die au­ßer­or­dent­li­chen Er­trä­ge die­nen bei Stif­tun­gen, die „auf Ewig­keit“ ge­grün­det sind, aus­schließ­lich dem in­fla­ti­ons­be­rei­nig­ten Ka­pi­tal­erhalt und flie­ßen des­halb in die so­ge­nann­te Um­schich­tungs­rück­la­ge. Das unter­scheidet uns von klas­si­schen in­sti­tu­tio­nel­len In­ves­to­ren wie Ver­si­che­run­gen.

Da fest­ver­zins­li­che Wert­pa­pie­re auf­grund ihrer End­fäl­lig­keit in der Re­gel kei­nen In­fla­ti­ons­aus­gleich schaf­fen kön­nen, füh­ren vie­le Stif­tun­gen ge­mäß § 62 der Ab­ga­ben­ord­nung ein Drit­tel ihres Über­schus­ses aus Ver­mö­gens­be­wirt­schaf­tung, also der or­dent­li­chen Er­trä­ge ab­züg­lich Kos­ten, zu­sätz­lich als Rück­la­ge dem Ka­pi­tal zum Zweck sei­nes Er­halts zu. Das macht es na­tür­lich noch­mals schwie­ri­ger, auf der an­de­ren Sei­te an­ge­mes­se­ne Er­trä­ge für den Stif­tungs­zweck zur Ver­fü­gung zu stel­len. Wir sind des­halb dazu über­ge­gan­gen, unsere Sach­wert­quo­te zu er­hö­hen. Dar­un­ter ver­ste­hen wir vor al­lem Ak­ti­en und Immo­bilien – also Assets ohne fes­te Ver­zin­sung und End­fäl­lig­keit, die lang­fris­tig durch ihren na­tür­li­chen Wert­zu­wachs die In­fla­ti­on aus­glei­chen und den rea­len Ka­pi­tal­erhalt so­mit si­cher­stel­len. So kön­nen wir seit ei­ni­gen Jah­ren auf die Rück­la­gen­bil­dung aus or­dent­li­chen Er­trä­gen ver­zich­ten und dank der da­durch nicht mehr ge­bun­de­nen Er­trä­ge trotz sin­ken­der Zins­ein­nah­men unsere 2005 ver­ein­bar­te Selbst­ver­pflich­tung, Er­trä­ge in Höhe von etwa zwei Pro­zent un­se­res Stif­tungs­ka­pi­tals für die All­ge­mei­ne För­de­rung be­reit­zu­stel­len, er­fül­len.

Als Stif­tung sind Sie we­ni­ger streng re­gu­liert als an­de­re Pro­fi­an­le­ger. So müs­sen Sie bei­spiels­wei­se kei­ne star­ren An­la­ge­quo­ten be­ach­ten. Füh­len Sie sich frei und fle­xi­bel bei der Ka­pi­tal­an­la­ge?

Die­ter Leh­mann: Es stimmt, als Stif­tung bür­ger­li­chen Rechts sind wir grund­sätz­lich fle­xi­bler bei der Ka­pi­tal­an­la­ge als eine Ver­si­che­rung oder eine Al­ters­vor­sor­ge­ein­rich­tung. Al­ler­dings gibt es auch für uns be­stimm­te Spiel­re­geln. Bei­spiels­wei­se sind wir als ge­mein­nüt­zi­ge Stif­tung steu­er­be­freit. Dies setzt al­ler­dings vor­aus, dass wir im Rah­men unserer Ver­mö­gens­an­la­ge kei­ne gewerb­lich ge­präg­ten Er­trä­ge ge­mäß § 15 Ek­StG ver­ein­nah­men und über Be­tei­li­gun­gen kei­ne so­ge­nann­te mit­un­ter­neh­me­ri­sche Ein­fluss­nah­me aus­üben dür­fen.

Wie hoch soll­te die Ren­di­te Ihrer Ka­pi­tal­an­la­gen in etwa sein, um mit Ihren or­dent­li­chen Er­trä­gen die Zie­le Ihrer Ver­mö­gens­an­la­ge wie ge­plant er­fül­len zu kön­nen?

Die­ter Leh­mann: Wie ge­schil­dert, wol­len wir jähr­lich rund zwei Pro­zent der or­dent­li­chen Er­trä­ge aus dem Stif­tungs­ka­pi­tal für die All­ge­mei­ne För­de­rung be­reit­stel­len, der­zeit also rund 70 Mil­lio­nen Euro. Hin­zu kommt der In­fla­ti­ons­aus­gleich: Wir ver­wen­den hier­für ei­nen auf die kon­kre­te Tä­tig­keit der Stif­tung ab­ge­stimm­ten Teue­rungs­in­dex, der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren durch­schnitt­lich bei über zwei Pro­zent lag. Die­ser soll­te vor al­lem über die Wert­ent­wick­lun­gen unserer Assets kom­pen­siert wer­den. Und schließ­lich müs­sen na­tür­lich auch die lau­fen­den Be­triebs­kos­ten der Stif­tung aus or­dent­li­chen Er­trä­gen fi­nan­ziert wer­den. Eine Ziel­ren­di­te im en­ge­ren Sin­ne wie an­de­re Ka­pi­tal­an­le­ger wol­len und müs­sen wir nicht for­mu­lie­ren.

Unsere Per­for­mance-Rech­nung reicht bis ins Jahr 1990 zu­rück, seit­her ha­ben wir ei­nen Durch­schnitts­wert von gut sechs Pro­zent pro Jahr er­zielt. Wäh­rend in den 1990er-Jah­ren die Stif­tung ein eher ren­ten­las­ti­ges Port­folio mit viel hö­he­ren Zins­er­trä­gen hielt, über­wie­gen heu­te die Sach­wer­te.

Volks­wa­gen­Stif­tung - De­tails

Die­ter Leh­mann lei­tet seit mehr als 20 Jah­ren die Ver­mö­gens­an­la­ge der Volks­wa­gen­Stif­tung. Die Stif­tung ist aus der Pri­va­ti­sie­rung des Volks­wa­gen-Kon­zerns her­vor­ge­gan­gen und hält der­zeit ein Stif­tungs­ka­pi­tal von cir­ca 3,5 Mil­li­ar­den Euro. Sie zählt je­doch nicht zu den klas­si­schen Un­ter­neh­mens­stif­tun­gen. Stif­tungs­zweck ist die För­de­rung von Wis­sen­schaft und Tech­nik in For­schung und Leh­re. Da­für stellt sie jähr­lich or­dent­li­che Er­trä­ge in Höhe von etwa zwei Pro­zent des Stif­tungs­ka­pi­tals als All­ge­mei­ne För­de­rung zur Ver­fü­gung. Hin­zu kommt als zwei­te För­der­kom­po­nen­te ein An­teil an den Di­vi­den­den des VW-Kon­zerns, den sie zweck­ge­bun­den an die nie­der­säch­si­sche Lan­des­re­gie­rung durch­reicht, das so­ge­nann­te Nie­der­säch­si­sche Vor­ab.

Mit wel­chen Ka­pi­tal­an­la­gen kön­nen Sie heu­te die be­nö­tig­ten Er­trä­ge ge­ne­rie­ren?

Die­ter Leh­mann: Ak­tu­ell sind wir zu rund 46 Pro­zent in fest­ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren in­ves­tiert, zu fast 41 Pro­zent in Ak­ti­en, zu etwa zwölf Pro­zent in Immo­bilien und zu gut ei­nem Pro­zent in Al­ter­na­ti­ves. Ver­schie­bun­gen hat es auch in­ner­halb die­ser As­set­klas­sen ge­ge­ben. Im An­lei­he­be­reich etwa ha­ben wir seit Jah­ren kei­ne Neu­in­vest­ments in kaum ver­zins­te Bun­des­an­lei­hen und Pfand­brie­fe mehr vor­ge­nom­men. Be­hut­sam wur­de hier­bei das Min­dest­ra­ting ge­senkt und statt­des­sen wur­den Un­ter­neh­mens­an­lei­hen, Nach­rang­an­lei­hen und Emer­ging-Mar­kets-Bonds ins Port­folio auf­ge­nom­men. Da wir die­se Assets bis zur End­fäl­lig­keit hal­ten, ist das Vo­la­ti­li­täts­ri­si­ko für uns von ge­rin­ge­rer Be­deu­tung. Wir schau­en vor al­lem auf das Aus­fall­ri­si­ko. Auch bei Ak­ti­en wol­len wir sehr lang­fris­tig in­ves­tiert sein, ach­ten auf aus­kömm­li­che Di­vi­den­den und ei­nen lang­fris­ti­gen in­fla­ti­ons­be­rei­nig­ten Ka­pi­tal­erhalt, so­dass wir kurz­fris­ti­ge Vo­la­ti­li­tät im Zwei­fel igno­rie­ren kön­nen.

Wel­che Rol­le spie­len da­bei Sach­wer­te, wenn Sie Ihre Ak­ti­en­al­lo­ka­ti­on ein­mal au­ßer Be­tracht las­sen? Was kön­nen Immo­bilien jetzt und in Zu­kunft leisten?

Die­ter Leh­mann: Immo­bilien sind bei uns tra­di­tio­nell eine fes­te Grö­ße. Der­zeit lie­gen wir mit etwa zwölf Pro­zent vor­über­ge­hend zwar et­was dar­un­ter, weil wir uns von ei­ni­gen Alt­ob­jek­ten ge­trennt ha­ben, aber mit­tel- bis lang­fris­tig lau­tet un­ser Ziel seit je­her 14 bis 15 Pro­zent An­teil am Ge­samt­ver­mö­gen. Und wir pla­nen der­zeit auch kei­ne Än­de­rung an unserer Ziel­al­lo­ka­ti­on, die sich auf Büro- und Wohn­im­mo­bi­li­en in sehr gu­ten La­gen der deut­schen Top-Stand­or­te kon­zen­triert. Immo­bilien sind für uns wich­tig, denn sie bieten Di­ver­si­fi­zie­rung, recht gut kal­ku­lier­ba­re or­dent­li­che Er­trä­ge durch die Miet­ein­nah­men sowie rea­len Ka­pi­tal­erhalt durch die Wert­ent­wick­lung.

Ha­ben Sie Prä­fe­ren­zen be­züg­lich des Ve­hi­kels von Immobilien­investitionen?

Die­ter Leh­mann: Unsere Immo­bilien wer­den von drei Toch­ter­ge­sell­schaf­ten der Stif­tung und von ei­nem Spe­zi­al­fonds ver­wal­tet. Wir tre­ten grund­sätz­lich nur als al­lei­ni­ger In­ves­tor auf, ha­ben zu­dem sehr enge Vor­stel­lun­gen von po­ten­zi­el­len An­la­ge­ob­jek­ten und ver­zich­ten auf den Ein­satz von Fremd­ka­pi­tal. Be­treu­ungs­sei­tig sind wir bes­tens ver­sorgt.

Nach­hal­tig­keits­kri­te­ri­en, Stich­wort ESG (En­vi­ron­ment, So­cial, Go­ver­nan­ce), spie­len für eine wach­sen­de Zahl an In­ves­to­ren eine be­deu­ten­de Rol­le in der An­la­ge­stra­te­gie. Was be­deu­tet das für Ihre An­la­ge­po­li­tik kon­kret?

Die­ter Leh­mann: Für uns gilt das auf zwei Ebe­nen: Zum ei­nen leisten wir mit der Er­fül­lung un­se­res Stif­tungs­zwecks – die För­de­rung von Wis­sen­schaft und Tech­nik in For­schung und Leh­re – un­ter an­de­rem auch ei­nen Bei­trag zu For­schung und Ent­wick­lung in den Be­rei­chen erneuer­bare En­er­gien, Energie­effizienz, Ge­sund­heit und vie­les mehr. Von da­her sind wir so­mit oh­ne­hin sehr nach­hal­tig aus­ge­rich­tet.

Zum an­de­ren sind wir als Ka­pi­tal­an­le­ger im­mer stär­ker mit die­sem The­ma kon­fron­tiert. Ent­spre­chen­de Kri­te­ri­en be­ach­ten wir in der Ver­mö­gens­an­la­ge al­ler­dings schon seit vie­len Jah­ren. Im Jahr 2018 ha­ben wir zu­dem ein Nach­hal­tig­keits-Scree­ning für unseren ge­sam­ten in­tern wie ex­tern ver­wal­te­ten Ak­ti­en- und Ren­ten­be­stand ein­ge­führt. Hin­zu kom­men für uns har­te Aus­schluss­kri­te­ri­en, bei­spiels­wei­se für Her­stel­ler in­ter­na­tio­nal ge­äch­te­ter Waf­fen. Bei Immo­bilien ach­ten wir nicht nur auf Um­welt­stan­dards, son­dern auch dar­auf, ob die po­ten­zi­el­len Mie­ter unseren ethi­schen, so­zia­len und öko­lo­gi­schen Wert­vor­stel­lun­gen ent­spre­chen.

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